Wissenschaftliche Fortbildung 24. Südwestdeutsche Schmerztage

Wissenschaftliche Fortbildung

Samstag, 10. Oktober 2020, 08:40 – 16:45 Uhr

SCHMERZMEDIZIN DER ZUKUNFT
Neues Verständnis – neue Moleküle – neue Chancen

08:40 - 08:45 Einführung
Gerhard H. H. Müller-Schwefe, Göppingen
 
08:45 – 09:45 Cannabinoide und Neuroinflammation beim Schmerzgeschehen
Jürgen Sandkühler, Wien
 
Entzündungsvorgänge im Zentralen Nervensystem werden mit dem Fachausdruck "Neuroinflammation" bezeichnet. Sie unterscheiden sich in wichtigen Punkten von Entzündungen in anderen Organen. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse lassen den Schluss zu, dass Neuroinflammation bei allen klinisch relevanten Formen chronischer Schmerzen beteiligt ist, Schmerzen verstärken und verlängern kann und eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Komorbiditäten von Schmerz spielt. Cannabinoide können auf vielfältige Art und Weise die Mechanismen der Neuroinflammation günstig beeinflussen. Darüber hinaus können Cannabinoide auch die Neuroinflammation, die durch übermäßige Nervenzellerregung entsteht, also die "neurogene Neuroinflammation" beim Schmerzgeschehen verhindern, indem sie die Nervenzellerregungen bei der Nozizeption hemmen. In diesem Übersichtsreferat werden die neuesten Konzepte und Ergebnisse hierzu vorgestellt.
 
09:45 – 10:30 Ein genauer Blick auf Cannabinoide – Gesichtspunkte der klinischen Anwendung
Guntram Zimmermann, Tübingen

„Cannabis ist nicht gleich Cannabis.“ Diese Erkenntnis erschließt sich bei der klinischen Anwendung von medizinischem Cannabis. Die wichtigsten Cannabinoide sind THC und CBD. Es gibt jedoch zahlreiche weitere Cannabinoide, welche eine Wirkungsmodulation dieser beiden verursachen und somit die Wirksamkeit und Verträglichkeit einer Behandlung bestimmen. Der Vortrag soll die weniger bekannten Cannabinoide und Terpene in den Focus rücken und anhand von klinischen Beispielen deren bevorzugte Anwendungsbereiche aufzeigen.
 
10:30 – 11:00 Pause
 

11:00 – 11:45 Was bedeutet die Funktionalität heute für die Schmerztherapie?
Hermann Schwarz, Freudenstadt

  1. Funktionalität als wesentliches Ziel der Schmerztherapie: Leben ist Funktionalität und Schmerz behindert Funktionalität?
     
    Der Sinn der Schmerztherapie ergibt sich aus ihrem Namen: Dem Patienten den Schmerz zu nehmen! Aber ist dies alles? Der Sinn des Lebens ist das Leben, so definiert es Goethe. Demnach ist die Schmerzreduktion nur ein untergeordnetes Ziel unseres ärztlichen Handelns. Und oftmals ein nur schwer erreichbares. Wenn überhaupt. Eigentlich ist doch unser letztendliches Ziel: Dem Patienten die Funktionalität zu ermöglichen, mit der er ein selbstbestimmtes und glückliches Leben führen kann.
     
  2. Eine wesentliche Interaktion: Schmerz beeinflusst Funktion?
     
    Schmerz ist nicht nur ein negatives Gefühl, das wir mit einem somatischen Schaden assoziieren. Schmerz behindert unser Leben existentiell und hängt mit vielen anderen negativen Gefühlen eng zusammen. Unsere Funktionalität ist beeinträchtigt! Dies testen wir in unseren Schmerzfragebögen und dies ist zentraler Zielpunkt unserer Diagnostik und Therapie. Dies ist Logik und Zweck des biopsychosozialen Schmerzmodelles und der multimodalen Therapie.
     
  3. Schmerztherapie kann Funktionalität beeinflussen: In 2 Richtungen!
     
    Gewolltes und hehres Ziel der Schmerztherapie ist es, die Funktionalität zu verbessern. Aktives funktionierendes Leben lindert umgekehrt selbst den Schmerz.
    Schmerztherapeutische Maßnahmen hingegen haben oftmals die Funktionalität negativ beeinflussende Nebenwirkungen, die wir immer im Auge haben sollten. Wir müssen versuchen, nicht den Schmerz zu Lasten einer schlechteren Funktionalität zu lindern.

Das Referat soll die komplexen Zusammenhänge von Schmerz und Funktionalität mit vorhandener Evidenz und an wichtigen Beispielen aufzeigen und die Awareness hierfür schärfen.

 
11:45 – 12:30 Opioidabhängigkeit – ein Weg aus der Sackgasse
Oliver M. D. Emrich, Ludwigshafen

Der Einsatz von Opioiden ist ein wichtiger Baustein in der Schmerztherapie. Ein unerwünschter Nebeneffekt ist jedoch das mögliche Auftreten einer Abhängigkeit von eben jenen Opioiden. Die Schmerztherapie wird dadurch oftmals erschwert.
 
Seit Februar 2019 steht in Deutschland ein Buprenorphin-Depot zur subkutanen Injektion zur Verfügung, das nicht nur zur „Substitutionsbehandlung“, sondern zur „Behandlung der Opioidabhängigkeit“ zugelassen ist. Dies eröffnet neue Möglichkeiten für Schmerztherapeuten, eine Opioidabhängigkeit zu behandeln und so den Fokus wieder auf die eigentliche Schmerzbehandlung legen zu können, ohne die Patienten im Substitutionsregister melden zu müssen. Ein weiterer Vorteil ist die stabile Plasmakonzentration über eine Woche oder einen Monat.
 
Im Rahmen des Symposiums sollen erste Erfahrungen vorgestellt und offene Fragen diskutiert werden.
 
12:30 – 13:00 Pause
 
13:00 – 13:45 Migräne – der Attacke zuvorkommen
David Lewis, Stuttgart
 
Etwa 15% der Bevölkerung leiden an episodischer oder chronischer Migräne.
Bei Patienten mit häufigen oder langanhaltenden Migräneattacken sollte eine medikamentöse und nichtmedikamentöse Migräneprophylaxe eingeleitet werden. Indikationen für die Migräneprophylaxe sind 3 oder mehr Migräneattacken pro Monat, die die Lebensqualität beeinträchtigen, Migräneattacken, die länger als 48–72 Stunden anhalten, Attacken, die auf die empfohlene Akuttherapie nicht ansprechen, Patienten, die die Nebenwirkungen der Akuttherapie nicht tolerieren können, und bei Zunahme der Attackenfrequenz und Einnahme von Schmerz- oder Migränemitteln an 10 Tagen oder mehr im Monat.
 
Zur medikamentösen Prophylaxe der Migräne sind die „konventionellen“ Prophylaxen Metoprolol, Propranolol, Flunarizin, Topiramat, Amitriptylin sowie die CGRP-Antikörper Erenumab, Fremanezumab und Galcanezumab zugelassen. Bei chronischer Migräne sind Topiramat, Botulinumtoxin Typ A und die CGRP-Antikörper zugelassen. Bei den bisherigen Prophylaxen besteht oft eine niedrige Adhärenz aufgrund substanzspezifischer Nebenwirkungen und einer limitierten Wirksamkeit. Die CGRP-Antikörper bieten eine neue, an der Pathophysiologie der Migräne orientierte Therapie mit raschem Wirkeintritt und anhaltender Wirkung bei sehr guter Verträglichkeit. Im Vortrag wird u.a. auch auf den korrekten Einsatzes der CGRP-Antikörper im klinischen Alltag anhand von Praxisbeispielen eingegangen.
 
13:45 – 14:30 Differentialtherapie mit Triptanen – Welche Substanz für welchen Patienten
Astrid Gendolla, Essen
 
Wann und Welche Substanz- Schulung des Patienten verbessert die Wirksamkeit von Akuttherapie der Migräne!
 
Analgetika wie Acetylsalicylsäure und nichtsteroidale Antirheumatika sind bei der Behandlung von leichten und mittelschweren Migräneattacken wirksam. Wenn Analgetika und nichtsteroidale Antirheumatika nicht ausreichend wirksam sind sollten Migräneattacken mit 5-HT1B/1D-Agonisten, den Triptanen, behandelt werden. 7 Triptane sind alle in großen placebokontrollierten Studien untersucht worden. In Deutschland sind Almotriptan, Eletriptan, Frovatriptan, Naratriptan, Rizatriptan, Sumatriptan und Zolmitriptan zugelassen. In der Gruppe der oralen Triptane zeigen Eletriptan und Rizatriptan die beste Wirksamkeit. Die subkutane Gabe von Sumatriptan 6 mg zeigt die schnellste Wirkung zur Behandlung einer Migräneattacke. Die von Patienten präferierte Anwendung ist jedoch die Anwendung von Zolmitriptan nasal das in der Dosierung 5 mg rasch und zuverlässig wirkt.
 
Naratriptan und Almogran sind rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Diese Anwendung erfolgt bei Patienten, die auf orale Therapie nicht ansprechen, mit frühem Erbrechen oder wenn ein rascher Wirkungseintritt notwendig ist. Man sollte Patienten dahingehend beraten dass Medikamente zur Therapie akuter Migräneattacken umso besser wirken, je früher sie eingenommen werden. Triptane sollten nicht eingenommen werden, solange noch Aurasymptome bestehen. Wenn die Wirkung der Akuttherapie nachlässt, kann eine zweite Dosis der Medikation innerhalb von 24 Stunden eingenommen werden. Patie nten, bei denen Triptane nicht ausreichend wirksam sind, können diese mit nichtsteroidalen Antirheumatika und resorptionsverbessernden Substanzen kombinieren.
 
Wenn Attacken häufig sind ist eine Aufklärung notwendig, um einen chronischen Kopfschmerz durch Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln zu vermeiden. Migränepatienten, die einen Arzt zur Behandlung ihrer Migräneattacke aufsuchen oder in eine Notfallambulanz kommen, haben meist zuvor orale Analgetika und Migränemittel ohne Erfolg eingesetzt. Zur parenteralen Applikation können hier Acetylsalicylsäure in Kombination mit Metoclopramid, Metamizol oder die subkutane Gabe von Sumatriptan eingesetzt werden. Beim Status migraenosus, das heißt bei Migräneattacken, die länger als 72 Stunden anhalten, erfolgt die Therapie durch eine einmalige Gabe 100 mg Prednison iv.
 
14:30 – 14:45 Pause
 
14:45 – 15:30 Neue Entwicklungen in der Prävention der Migräne
Hartmut Göbel, Kiel

Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung mit einer 1-Jahres-Prävalenz von 10-15 % bei Erwachsenen und von 3-7 % bei Kindern vor der Pubertät. Migräne kann episodisch oder chronisch auftreten. Ein chronisches Auftreten bedeutet, dass Kopfschmerzen an 15 oder mehr Tagen im Monat vorkommen, wobei an mindestens acht Tagen der Kopfschmerz die Kriterien der Migräne erfüllen muss. Zur medikamentösen Akuttherapie der Migräne stehen Wirkstoffe wie ASS, Ibuprofen oder Triptane zur Verfügung. Bei hoher Krankheitslast (mehr als 4 Migränetage pro Monat) sind zur Reduktion von Häufigkeit, Schwere und Dauer der Migräneattacken neben nichtmedikamentösen auch medikamentös-prophylaktische Maßnahmen erforderlich. Die Indikation für eine medikamentöse Prophylaxe leitet sich aus dem besonderen Leidensdruck, der eingeschränkten Lebensqualität und dem Risiko eines Übergebrauchs an Schmerzmitteln ab. Zur medikamentösen Prophylaxe der Migräne sind Metoprolol, Propranolol, Flunarizin, Topiramat, Amitriptylin, Erenumab, Fremanezumab und Galcanezumab zugelassen. Bei chronischer Migräne können Topiramat oder Botulinumtoxin Typ A zur Prophylaxe indiziert sein. Begrenzte Wirksamkeit und substanzspezifische Nebenwirkungen führen allerdings nicht selten zu einer geringen Adhärenz mit nur unregelmäßiger Anwendung dieser Prophylaktika. Eine Migräneprophylaxe wird als wirksam betrachtet, wenn es zu einer Reduktion der Anfallshäufigkeit von 50 % oder mehr kommt.

Seit Anfang der 1990er Jahre ist bekannt, dass das Neuropeptid CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) eine Schlüsselstellung bei der Entstehung einer Migräneattacke einnimmt. In der Folge kam es zur Entwicklung verschiedener monoklonaler Antikörper gegen CGRP oder gegen seine Rezeptoren in den Gefäßwänden: Erenumab konkurriert mit CGRP um die Bindung am Rezeptor - Galcanezumab und Fremanezumab binden direkt an CGRP und neutralisieren es dadurch. Ziel ist die Unterbindung von Migräneattacken (Migräneprophylaxe) als Folge einer erhöhten CGRP-Ausschüttung.

Die CGRP-Antikörper bieten eine neue, an der Pathophysiologie der Migräne orientierte Therapie. Eine Verordnung ist laut Fachinformation bei Patienten mit mindestens 4 Migränetagen pro Monat indiziert, wenn verschiedene andere Prophylaktika wie Metoprolol (respektive Propranolol), Flunarizin, Topiramat oder Amitriptylin nicht wirksam waren, nicht vertragen wurden oder Kontraindikationen bestehen. Bei Patienten mit chronischer Migräne sollten diese zusätzlich auch nicht auf eine Therapie mit Botulinumtoxin A angesprochen haben, bevor CGRP-Antikörper verordnet werden.
 
15:30 – 16:15 Cannabis für Alle(s)! Aber auch alles Cannabis für chronische neuropathische Schmerzen?
Michael A. Überall, Nürnberg

Seit der politisch/juristisch motivierten Entscheidung Cannabis-basierte Therapien (unabhängig von ihrem jeweiligen Zulassungsstatus) in Deutschland Patienten mit einer schwerwiegenden Erkrankung als Medizin dann verfügbar zu machen, wenn andere zugelassene und (leitlinien-)empfohlene Therapiealternativen entweder nicht zu Verfügung stehen, nicht wirken bzw. nicht vertragen werden oder aufgrund von Wechselwirkungen und/oder Kontraindikationen nicht zum Einsatz gelangen können, steigt die Zahl der Verordnungen – vor allem für die Behandlung chronischer neuropathischer Schmerzen – kontinuierlich an. Begleitend erschienen seit dem 10. März 2017 zahlreiche Meta-Analysen und (Leitlinien-) Empfehlungen und wird auf zahlreichen Präsenzveranstaltungen und virtuellen online-Konferenzen nicht nur über kasuistische Behandlungserfahrungen, sondern auch über die verfügbare (und je nach Sichtweise aus- bzw. unzureichende) Evidenz in Form kontrollierter klinischer Studien diskutiert. Welche Evidenz und welche Erfahrungen es zu Cannabis als Schmerzmedizin (CaM) für die Behandlung neuropathischer Schmerzen gibt, wird Gegenstand dieser Übersicht.
 
16:15 – 16:45 Demonstration und praktische Übungen
Zusammenfassung und Diskussion
 

Änderungen vorbehalten.
Gebührenfrei - Voranmeldung erforderlich!
Für die Fortbildung werden bei der LÄK BaWü 9 Fortbildungspunkte (FP) der Kategorie A beantragt.

Wissenschaftliche Leitung:

Dr. med. Gerhard H. H. Müller-Schwefe
Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V.
Leitender Arzt des Schmerz- und Palliativzentrums Göppingen
Schillerplatz 8/1 | 73033 Göppingen
www.mueller-schwefe.de

Ansprechpartnerin:

Elfriede Andonovic
Regionales Schmerzzentrum
DGS – Göppingen
Schillerplatz 8/1 | 73033 Göppingen
Fon +49-7161-9764-76
(Dienstag bis Donnerstag von 9:00 bis 12:00 Uhr
Fax +49-7161-9764-77
Email: info@schmerztag.org

Organisation und Durchführung:

Deutsche Gesellschaft für schmerz- und palliativmedizinische Fortbildung mbH
Dr. Heinz Beitinger
Geschäftsführer
Lennéstraße 9
10785 Berlin

Veranstaltungsort:

Stadthalle Göppingen
Blumenstraße 41
73033 Göppingen
www.goeppingen.de
+49-7161-650-4313

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